Am Anfang war die Beziehung, nicht das Wort: über Placebo, Nocebo und Positives Denken

Aus der pharmakologischen Forschung ist er schon lange bekannt, und gerne dehnt man ihn auch auf Heilungserfolge aus, die man kausal-wissenschaftlich nicht verstehen kann (z. B. Akupunktur, Homöopathie, aber auch die Psychoanalyse): der Placebo-Effekt.

„Placeboeffekte sind positive Veränderungen des subjektiven Befindens und von objektiv messbaren körperlichen Funktionen, die der symbolischen Bedeutung einer Behandlung zugeschrieben werden. Sie können bei jeder Art von Behandlung auftreten, also nicht nur bei Scheinbehandlungen.“ (Quelle: Wikipedia)

Dem Placeboeffekt haftet oft etwas Negatives an, das in dem Begriff „Scheinbehandlung“ mitschwingt: alles nur Show, Hokuspokus. Medizin auf Basis von Aberglauben. Heilung durch Einbildung. Sollte es in einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft eigentlich nicht geben.

Und dennoch es gibt ihn, und auch sein Gegenteil gibt es, welches immer mehr in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen rückt: der Noceboeffekt. Ebenfalls bekanntgeworden durch die pharmakologische Forschung – Beipackzettel von Medikamenten rufen via self-fulfilling prophecy die ihrerseits aufgeführten Nebenwirkungen häufig selber hervor – entstand die Frage, wieviel Risikoaufklärung eigentlich guttut und noch Raum für die positive Wirkung eines Medikaments bzw. einer Intervention lässt.

Die Wirkmacht, die beiden Effekten zugrundeliegt, ist das Unbewusste. Aber sind es Worte oder Symbole allein, die es beeinflussen? Einen interessanten Blickwinkel auf diese Frage bietet die Psychoanalyse mit ihrem Konzept der Übertragung.

Beziehung, Übertragung und Suggestion 

Aus der Hypnose entwickelt, hat sich die Psychoanalyse auch mit diesem Phänomen auseinandergesetzt: der Suggestion. Im Rahmen der hypnotischen Trance soll das Unbewusste mittels Suggestionen, d. h. verbalen Anweisungen, die Denken, Fühlen und Handeln ansprechen, direkt beeinflusst werden. Die Trance mindert dabei die Wachsamkeit des Bewusstseins und reduziert so Abwehr/Widerstand sowie Filterfunktion des Ich, womit das Unbewusste schließlich zugänglicher wird. Ihre Wirksamkeit ist wissenschaftlich belegt, Hypnose ist als Therapieverfahren anerkannt.

Aber auch ohne Trance ist der Mensch suggestibel:

„Der Mensch ist suggestibel, weil er überträgt. Die übertragungsbedingte Suggestibilität wird nämlich von Freud auf ihre entwicklungsgeschichtlichen Vorbilder zurückgeführt und aus der kindlichen Abhängigkeit von Vater und Mutter erklärt. Die ärztliche Suggestion wird dementsprechend als Abkömmling der elterlichen Suggestion verstanden.“ (Helmut Thomä, Horst Kächele. Lehrbuch der psychoanalytischen Therapie, Band 1. S. 69)

In Beziehungskontexten mit bedeutsamen Anderen können wir Menschen also suggestibel werden, das heißt, unser Unbewusstes wird empfänglich für deren Botschaften und ihre nachhaltige Wirkung. Die Offenheit des Unbewussten entsteht hier nicht durch Trance, sondern durch die emotionale Besetzung der zwischenmenschlicher Begegnung. Je intensiver diese Besetzung, desto höher die mögliche Suggestibilität, oder anders formuliert: je bedeutsamer der Mitmensch, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er einen Abdruck in mir hinterlässt.

An dieser Stelle möchte ich auf die Objektbeziehungstheorie um Otto Kernberg, eine Schule der Psychoanalyse, verweisen, zu deren Grundannahmen gehört, dass die Bausteine der Psyche Triaden aus Selbstrepräsentanzen, Affekten und Objektrepräsentanzen sind, also erinnerte Episoden von Begegnungen zwischen mir und anderen mit einem verbindenden Affekt, der die Situation bzw. Begegnung prägte. Der Affekt verleiht der Begegnung dabei ihre Bedeutung, und die Summe ähnlich erlebter Begegnungen kristallisiert Selbstbild bzw. -konzept, Menschenbild und Beziehungserwartungen („Übertragungsbereitschaft“) heraus.

Konstelliert sich eine Begegnung, die Übertragungen, in denen ein kindliches Selbsterleben und ein elterliches Objekterleben abgebildet wird, aktiviert, kann sich schließlich Suggestibilität einstellen. Kritisch-reflektierendes Bewusstsein wird durch die hervorgerufene emotionale Tönung reduziert, das Unbewusste wird zugänglicher, ein regressiver Zustand entsteht. Die emotionale Tönung kann z. B. Angst oder Bedürftigkeit sein, das Selbsterleben ist schwach/klein/verunsichert und das Objekterleben autoritär/fürsorglich/mächtig.

Solche Beziehungssituationen können uns beeinflussbar machen: im günstigen Fall mit heilender oder stärkender Wirkung, im ungünstigen Fall mit manipulativer Wirkung. Übertragungsbedingte Regression kann folglich therapeutisch sein, wenn sie in einen verantwortungsvollen Kontext wie z. B. das psychoanalytische Setting eingebunden ist, oder zerstörerisch, z. B. in psychomanipulativen Settings wie sie Sekten, unprofessionelle/unerfahrene Therapeuten oder gewiefte Verkäufer nutzen.

Placebo, Nocebo, Positives Denken

Krankheit ist ein Zustand, der Regression auslösen kann. Im zwischenmenschlichen Beziehungskontext trifft hier das hilflose, geschwächte Selbst auf die mächtige Heilerschaft, vertreten durch Ärzte, Pharmaindustrie und Wissenschaft, die als omnipotente Gegenüber erlebt werden. Kindliche Übertragungsmuster werden aktiviert, das Unbewusste wird suggestibel. In diesem Rahmen geäußerte Botschaften, v. a. Prognosen und Einschätzungen, entfalten so eine ungeheure Macht. Ist die Beziehung von vertrauensvollen Affekten getragen, werden eher heilungsförderliche Botschaften, „Suggestionen“, aufgenommen, ist sie von angsterfüllten Affekten getragen, werden eher belastende Botschaften aufgenommen und verinnerlicht. Oft wird das Gehörte dabei seinem zugrundeliegenden Affekt nach gefiltert, sprich man hört das, was man unbewusst ohnehin erwartet.

Dies ist der Punkt, an dem Placebo und Nocebo ihren Ausgang nehmen. Gesundheitspersonal mit direktem Menschenkontakt muss sich daher seiner Verantwortung den eigenen Botschaften gegenüber bewusst sein. Leichtfertig geäußerte Gedanken können eine unerwartete Wirkung entfalten, die den ganzen weiteren Heilungsprozess formen und gar blockieren können. Achtsamkeit ist also gefragt, das Spürbewusstsein muss anwesend sein.

Auf der anderen Seite wird ja oftmals Positives Denken empfohlen, als therapeutische Autosuggestion und Möglichkeit zur Selbststeuerung konzipiert. Viele Menschen stoßen sich aber daran, denn es widerspricht ihrem inneren Stimmigkeitserleben: es wird als Selbstbetrug erlebt, eine innere Ambivalenz, die nicht abzuschalten geht, entsteht, und Widerwille stellt sich ein. Die Entgegnung der Vertreter Positiven Denkens, man müsse halt mehr üben, konsequenter sein etc., helfen da auch nicht weiter. Das Unbewusste ist schlicht nicht zugänglich, die inneren Repräsentanzen ermöglichen keine positive Selbstbeziehung. Es muss erst durch Psychotherapie eine Grundlage hierfür geschaffen werden.

Worte und Beziehung

Worte entfalten ihre Wirkung immer im Rahmen eines Beziehungskontexts – sei es die Beziehung zu anderen oder zu sich selbst. Das Bindeglied der Beziehung ist dabei stets der Affekt, der der Begegnung ihre Bedeutung beimisst und ihre Inhalte nach seiner Farbe filtert.

Wer heilt, hat recht – so sagte man früher. Vielleicht kann es auch heißen: wer heilt, hat eine Beziehung therapeutisch gestaltet.

Titelbild: Freia Willems-Theisen / pixelio.de