Depression und Angststörungen

Depressionen mit einer Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) von 8,2% und Angststörungen mit 16,2% gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen: sie stehen auf Platz 1 und Platz 3 der psychischen Störungen in Deutschland (auf Platz 2 Alkoholabhängigkeiten mit 11,2%). Doch was bedeutet es, depressiv oder angsterkrankt zu sein, wie fühlt es sich an?

Kraft und Antrieb fehlen, alles sieht grau aus, Gefühle von Sinnlosigkeit stellen sich ein. Man fühlt sich wie abgetrennt vom Rest der Welt, der einen auch nicht mehr versteht („Reiß dich doch mal zusammen“), und die gewohnte Sicherheit und Selbstverständlichkeit sind wie weggewischt. Appetit, Konzentration und Lusterleben lassen nach, Schlafstörungen stellen sich ein, der Körper ist lahm und schmerzt manchmal. Sozialer Rückzug wird zur Gewohnheit, und im Alleinsein bleiben nur Traurigkeit, Gedankenkreisen und Selbstvorwürfe. Der Selbstwert leidet zunehmend, und aggressive innere Stimmen, manchmal in Form innerer Dialoge mit schwierigen Mitmenschen, schimpfen entwertend auf das verletzte Ich. Es fällt immer schwerer, das eigene Selbst gegen die aufkeimende Überzeugung eigener Schlechtigkeit zu verteidigen und sich gegen innere Leere und Lähmung zu mobilisieren. So kann sich eine depressive Episode anfühlen.

Ein sorgenvolles Grübeln nimmt zu und füllt die Fantasie, die katastrophale Bilder der Zukunft ausmalt. Die Gedanken kreisen um mögliche Krankheiten, soziale Blamage, Verlust wichtiger Bezugspersonen oder der eigenen Existenz, oder es ist einfach nur ein Angstgefühl da, das keinen Auslöser mehr kennt, wie z. B. bei der generalisierten Angststörung oder der Panikstörung. Als gesteigerte Angstmomente treten Panikattacken auf, Episoden heftiger Angst mit starken körperlichen Reaktionen, häufig nachts. In der Folge entsteht eine Abhängigkeit zu einem stabilisierenden Gegenüber, z. B. dem Partner, den Eltern oder einem Arzt, die immer dringlicher wird, wodurch zunehmend die eigene Selbständigkeit verloren geht und diese Beziehungen dann sehr strapaziert werden, worunter beide Seiten leiden. Manchmal traut man sich auch gar nicht mehr, das eigene Haus zu verlassen. So kann sich eine Angststörung anfühlen.

Wo in der Angststörung die Furcht vor dem Unbekannten, also einer katastrophal ausgemalten Zukunft, dominiert, tut es in der depressiven Erkrankung die Furcht vor dem Bekannten, also die bereits katastrophal erlebte Gegenwart. Entwicklungspsychologisch betrachtet fehlt in der Angststörung das innere Bild eines guten Anderen – statt sog. positiver Objektrepräsentanzen klafft eine Leerstelle, oder die stützenden inneren Bilder sind flüchtig und brüchig -, in der Depression hingegen bestehen statt dieser guten inneren Bilder konflikthafte innere Bilder, zu denen ambivalente Beziehungen bestehen. Der Angstkranke fürchtet unbewusst somit um seine Existenz, weil ihm das Schutz bietende Objekt fehlt; dies resultiert nach OPD in der Regel in einem Grundkonflikt um Autonomie vs. Abhängigkeit. Der Depressive wiederum fürchtet die Leere, weil sich das Liebe, Anerkennung und Aufwertung bietende Objekt von ihm abwendet; dies resultiert nach OPD in der Regel in einem Grundkonflikt um Autarkie vs. Versorgung oder um Selbstwert. Beide Krankheitsbilder lassen sich also voneinander abgrenzen, wenngleich sie manchmal aber auch gemeinsam auftreten können, man spricht dann von Komorbidität. Bei beiden Störungen kann sich Lebensunlust einstellen, in der sich der naturgemäße Selbsterhaltungstrieb ausschaltet und die Angst vor dem Tod geringer wird als die Angst vor dem Leben (so wie es gerade ist bzw. erlebt wird); dies kann sich in Gedanken, Fantasien und schlimmstenfalls Handlungen ausdrücken.

Im Folgenden möchte ich Konzeptualisierungen der Psychotherapie, insbesondere der Psychoanalyse, zu beiden Krankheitsbildern vorstellen.

Depression

Beginnen möchte ich hier mit Zitaten von Alexander Lowen, Begründer der Bioenergetischen Analyse, aus seinem Buch „Depression and the Body“:

Jede depressive Reaktion beruht auf einem Verlust von Mutterliebe, […] der nicht als unwiederbringlich akzeptiert wurde. Die Hoffnung auf Wiedergutmachung wiederum, welche grundsätzlich unbewusst ist, verschafft die Motivation für einen Aufschwung an Energie, der im manischen Hoch resultiert [bzw. resultieren kann, in jedem Fall aber eine Form der Abwehr darstellt, CD]. Menschen, die unter Depressionen leiden, haben unerfüllte orale Bedürfnisse, nämlich gehalten und unterstützt zu werden, Körperkontakt zu erfahren, Dinge mit dem Mund aufzunehmen, Aufmerksamkeit und Bestätigung zu bekommen, und gewärmt zu werden. Diese Bedürfnisse werden orale Bedürfnisse genannt, weil sie mit der Kindheitsphase im Leben korrespondieren, in der orale Aktivitäten das Leben ausmachen [1. – 2. Lebensjahr, vgl. Freuds Phasenlehre, CD]. Kein Maß an stellvertretender Mutterliebe aber wird einer Person je die Sicherheit geben, die sie in der Kindheit nicht bekommen konnte. Als Erwachsener muss man diese Sicherheit in sich selber finden […], und zwar durch Liebe, durch Arbeit, und durch Sexualität. Solange orale Bedürfnisse weiterhin das Verhalten eines Menschen beeinflussen, wird er immer zyklischen Stimmungsschwankungen von manischem Hoch und depressivem Stimmungstief unterliegen.“ (Alexander Lowen, Depression and the Body; aus dem Englischen zusammengefasst von CD)

Nach Will et al. finden sich bei depressiv erkrankten Menschen immer folgende wiederkehrenden Themen in der Kindheit: a) signifikante Objektverluste, b) eine widrige Lebensumwelt, die nicht adäquat auf das Kind eingehen konnte, c) das Kind hatte sich elterlichen Bedürfnissen anzupassen (auch Parentifikation genannt), was die Entwicklung zur psychischen Selbständigkeit verhinderte. Das spezifisch Depressive ist nach Will et al. dabei die Verarbeitung dieser Erfahrungen, was Stavros Mentzos auch depressiver Modus nennt, der aus Rückzug, Introjektion und Enttäuschungswut besteht.

Schon Freud beschrieb die Verarbeitung eines frühkindlichen Objekt- oder Liebesverlusts als Prädisposition für depressive Erkrankungen. Karl Abraham erkannte, dass der Depressive die „Liebe der Mutter gekostet“, aber wieder verloren habe, woraus Enttäuschungswut, Abhängigkeitswut, Kränkungswut und narzisstische Wut resultieren. Infolge des frühen Objektverlusts entsteht statt einer stabilen positiven Objektrepräsentanz eines guten, wohlwollenden Anderen kompensatorisch ein pathologisches, undifferenziert-globales Introjekt des ambivalent besetzten Objekts. Anstelle guter innerer Bilder fürsorglicher Bezugspersonen, die in beängstigenden Situationen Sicherheit stiften und so die Fähigkeit zur Selbstberuhigung ermöglichen, entstehen also abweisende, strenge, strafende, welche nicht nur ein untaugliches Immunsystem gegen schwierige Gefühle darstellen, sondern auch das Verhältnis zu sich selbst stark belasten. Letzteres verursachen vor allem die Abwehrmechnismen „Wendung gegen das Selbst“ – eine Umkehrung der ursprünglichen Wutgefühle, die auf das enttäuschende Objekt gerichtet waren, gegen sich selbst, um so die Beziehung zu ihm stabilisieren – und „Identifikation mit dem Aggressor“ – unbewusst sich selbst so zu behandeln, wie es früher der schwierige Andere getan hat. Die verdrängte Wut führt daneben zur Ausbildung eines strengen Über-Ichs (v. a. mit Gnadenlosigkeit, Schuldgefühlen und Selbstzweifeln), der Ambivalenzkonflikt zwischen Abhängigkeit und Wut zu beeinträchtigten zwischenmenschlichen Interaktionen (Aggressionshemmung, Pseudoaltruismus, …). In der Psychoanalyse wurde dieser innere Konflikt zwischen Versorgungswünschen und Enttäuschungswut verschiedentlich auch depressiver Grundkonflikt genannt. André Green hat dessen innerpsychische Folgen anhand von Patienten mit schwer depressiven Müttern noch weiter untersucht und seine Extremformen unter „Syndrom der toten Mutter“ (d. h. Introjekt der emotional nicht antwortenden Mutter) zusammengefasst.

Die Tragik ambivalent besetzter innerer Objekte ist, dass sie sowohl gebraucht und geliebt als auch abgelehnt und gehasst werden, was die seelische Situation des Kindes mit seinen konflikthaften Bezugspersonen widerspiegelt. Diese innere Dissonanz ist mit dem seelischen Rüstzeug eines Kindes in der Regel noch nicht aufzulösen, weshalb sie zunächst mit den o. g. Abwehrmechnismen provisorisch reguliert und dann unbewusst wird, wodurch sie bis ins Erwachsenenalter erhalten bleibt. Erst wenn die Abwehr dann durch eine psychosoziale Krise geschwächt wird, kommt der innere Konflikt wieder zum Tragen und führt zur Symptomentstehung.

Gerd Rudolf benennt noch die folgenden sekundären pathologischen Verarbeitungsformen des depressiven Grundkonflikts: a) die schizoide Bewältigung durch Rückzug, Misstrauen und emotionaler Verflachung; zur Krise kommt diese Abwehrformation durch Versuchungen der Nähe, b) die oral-regressive Bewältigung durch Wiederherstellung eines kindlichen Wohlgefühls mittels Suchtverhalten (Essen, Spielen, Kaufen, Substanzmissbrauch, Sexualität, …); zur Krise kommt es hier in Versagungssituationen, c) die narzisstische Bewältigung durch Fokussierung auf das Ich-Ideal mittels Grandiosität; zur Krise kommt es hier durch Selbstwertbeschädigungen (Alter, Misserfolge, …), d) die altruistische Bewältigung durch Fokussierung auf die Bedürfnisse Anderer und Anhänglichkeit; zur Krise kommt es hier durch Erschöpfung und Trennungssituationen, und e) die depressive Somatisierung als regressive Bewältigung nach Zusammenbruch o. g. Bewältigungsformen; Schmerz und Verlassenheitsgefühl verschmelzen, werden nicht differenziert und körperlich erlebt, wobei in der Folge häufig eine aggressiv-bedürftige Verstrickung mit dem Medizinsystem entsteht.

Michael Ermann wiederum unterscheidet Depressionen in drei Kategorien: als oraler Konflikt (s. o.), Selbstwertpathologie (narzisstische Störung auf mittlerem Strukturniveau) oder Borderline-Depression (affektive Störung auf niedrigem Strukturniveau oder durch Typ-2-Trauma; vorherrschend mit innerer Leere, Taubheit, Erstarrung und Selbstentfremdung). Letztere stellt eine Sonderform dar, da ihr keine Konflikt-, sondern eine eindeutige Struktur- oder Traumapathologie zugrundeliegt. Wesensmerkmal der Strukturpathologie ist hier, dass die pathologische Entwicklung noch vor der objektalen Differenzierung stattgefunden hat, heißt es liegt kein konturiertes Introjekt wie oben geschildert vor, sondern Grundfunktionen psychischer Regulation konnten nicht ausreichend entwickelt werden. Rudolf hat diesbezüglich auch noch einen objektalen von einem medialen depressiven Grundkonflikt unterschieden.

Die Verhaltenstherapie bietet verschiedene eigene Erklärungsmodelle, die das Bild ergänzen, unter anderem:

  • Lerntheoretische Ansätze: die Verstärkerverlusttheorie nach Lewinsohn nimmt den Verlust positiver Verstärker („Belohnungen“, z. B. Lob am Arbeitsplatz) und den daraus folgendem Abbau positiver Aktivitäten an, die zu einer Negativspirale werden; die Theorie der erlernten Hilflosigkeit nach Seligman geht davon aus, dass Menschen aus unkontrollierbaren negativen Erfahrungen Überzeugungen von Hilflosigkeit entwickeln, die über Passivität zu Depression führen; der depressive Attributionsstil nach Abramson fasst die Reaktion Depressiver auf Misserfolge mit der Zuweisung internaler, globaler und stabiler statt externaler, spezifischer und variabler Ursachen zusammen, was schlimmstenfalls zum Erleben von Hoffnungslosigkeit führen kann.
  • Kognitiv-behaviorale Ansätze: A. T. Beck postuliert drei Grundannahmen, die für Depression ursächlich sind, nämlich die kognitive Triade (neg. Selbstbild, neg. Interpretation von Umwelterfahrungen, neg. Zukunftserwartungen), negative Schemata (z. B. die Überzeugung, immer perfekt sein zu müssen) und kognitive Verzerrungen (z. B. alles persönlich nehmen, Schwarzweißdenken, …).

Angststörungen

Zu Beginn ein paar grundsätzliche Beobachtungen zu Angststörungen: Bei allen Angststörungen nimmt die Objektbindung im Interaktionsverhalten eine dominierende Rolle ein; Unterschiede finden sich in den Motiven zur Bindung und ihrer strukturbedingten Ausgestaltung. Es zeigt sich aber grundsätzlich, dass Menschen mit Angststörungen Eigenständigkeit, Aggression und Begehren häufig zugunsten einer pseudosicheren Beziehung abwehren (sprich: zugunsten von Sicherheit wird Freiheit geopfert). Panikpatienten verhielten sich in Studien bei Beziehungskonflikten weniger konstruktiv und wendeten mehr unterwerfende und verleugnende Strategien an; die wahrgenommene Angst korrelierte dabei signifikant negativ mit der empfundenen Wut gegenüber dem Partner (heißt je mehr Angst, desto weniger Wut), im Gegensatz zu Gesunden, bei denen Angst positiv mit Wut korrelierte (heißt je mehr Angst, desto mehr Wut). Eine Studie von Kessler et al. konnte darüber hinaus zeigen, dass Menschen mit einer Panikstörung signifikant schlechter emotionale Gesichtsausdrücke erkennen können, insbesondere Wut und Trauer, und dass sie dazu neigen, Gesichtsausdrücke als wütend zu interpretieren, die es nicht sind.

Eine wichtige Aufgabe in der psychischen Entwicklung ist der Erwerb der sog. Objektkonstanz, d. h. der Aufbau stabiler innerer Bilder wichtiger Anderer. Dies findet in der oralen Phase, d. h. den ersten zwei Lebensjahren, statt; i. d. R. ist sie um den 18. Lebensmonat voll ausgeprägt. Damit geht einher, sich in Angstmomenten durch die innere Verbundenheit zu guten Anderen selbst beruhigen zu können, ihren Rat zur Verfügung zu haben und auch soziale Regeln zu verinnerlichen und einhalten zu können. Ohne diese Fähigkeit ist der Mensch immer auf die Realpräsenz seiner Bezugspersonen angewiesen, welche „Hilfs-Ich“-Funktionen wie z. B. Affektregulation übernehmen müssen, und in ihrer Abwesenheit stellen sich starke Ängste ein. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ beschreibt treffend diese Problematik. Erschwert wird der Aufbau von Objektkonstanz durch eine instabile Bindung zu den Bezugspersonen insbesondere in den ersten zwei Lebensjahren, was dann auch mit schwierigen Bindungsstilen einhergeht.

Wo der depressiv Erkrankte also zumindest über stabile innere Bilder verfügt – die allerdings nicht überwiegend positiv, sondern ambivalent gekennzeichnet sind -, leidet der Angsterkrankte unter fehlenden oder fragilen inneren Bildern, was seine Krankheitsdisposition ausmacht.

Bild: „Kleine Gruppe“, eine schöne Darstellungsmöglichkeit blasser bzw. fragiler innerer Objekte (abfotografierte Postkarte)

Stavros Mentzos definiert hinsichtlich der Angststörungen einen phobischen Modus, in dem eine Form der Angst als Abwehr gegen eine andere Angst benutzt wird. Die Wahl des phobischen Objekts erfolgt innerhalb eines naturgemäß beschriebenen symbolischen Potentials (z. B. Gestaltähnlichkeit mit der ursprünglichen Angst). Auch er bekräftigt: „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine […] Angststörung entsteht, ist dort groß, wo ein Sicherheit bietendes, benignes internalisiertes Objekt im Laufe der Entwicklung des Patienten nicht gebildet werden konnte.“

Alle Angststörungen können auf allen Strukturniveaus auftreten. Es lässt sich ein Konflikt- von einem Strukturmodell abgrenzen:

  • Konfliktmodell: ein unbewusster intrapsychischer Konflikt wird durch eine „Versuchungs- und/oder Versagungssituation“ aktiviert (man erinnere, dass Angstpatienten wegen der fragilen Objektkonstanz Eigenständigkeit, Wut und Begehren einer sicheren Bindung opfern, was die Grundlage für widerstrebende innere Motivationen darstellt). Dessen Bewältigung gelingt nur durch Symptombildung, in der sich Abwehr und Abgewehrtes gleichzeitig manifestieren (der Triebimpuls, z. B. Wut, ist im Symptom, z. B. wiederkehrende Zwangsfantasien den Partner zu schlagen, enthalten, aber auf eine Weise, die keine bzw. weniger Angst auslöst). Misslingt die Symptombildung, bricht Angst durch, die sich bis zur Panikattacke steigern kann. Es handelt sich um einen Es-Überich-Konflikt.
  • Strukturmodell: aufgrund defizitär entwickelter Ich-Funktionen besteht eine mangelhafte Konflikttoleranz, die mit erhöhter Angstsensiblität bzw. -entwicklung einhergeht. Es besteht meistens die Abhängigkeit von einem äußeren „steuernden Objekt“ (Karl König). Symptomauslösend wirken weniger konkrete Situationen, als dass die Symptomatik beliebig durch unspezifisch zunehmenden Stress befördert wird.

Die Verhaltenstherapie benennt insbesondere eine Überschätzung von Gefahren sowie Unterschätzung eigener Bewältigungskompetenzen bei den Angststörungen. Kognitiv herrschen Selbstzweifel, negative Bewertungen und schlechte Prognosen vor. Folge der dysfunktionalen Bewältigungsstrategien ist, dass die Bedrohungshypothese aufrechterhalten wird. Sicherheitsverhalten, z. B. Vermeidung, verhindert Falsifizierung der Bedrohungshypothese (z. B. das Ausbleiben eines Herzinfarkts wird mit Erfolg des Sicherheitsverhaltens begründet).

Diagnostisch werden verschiedene Formen von Angststörungen unterschieden:

  • Panikstörung: Vorherrschend sind anfallsartige, aus heiterem Himmel auftretend erlebte Panikattacken. Eine Panikattacke entsteht durch Angstüberflutung bei Versagen der Abwehr. Auf die erste Panikattacke folgen meist Angst vor der Angst und der sog. psychophysiologische Teufelskreis (angstbesetzte Körperwahrnehmung fördert Körpersymptome, was wiederum angstbesetzte Körperwahrnehmung fördert, …). Paniksymptome werden so zur Quelle körperbezogenen Katastrophisierens, das die neurophysiologische Anspannung erhöht und neue Panikattacken triggert. Im Dienste der Vermeidung lenkt das körperbezogene Katastrophisieren die Aufmerksamkeit weg von den Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen, die die Panikattacke ursprünglich ausgelöst haben. Checking-Behavior und Vermeidungs-/Sicherheitsverhalten halten die Symptomatik aufrecht. Auslösende Konfliktthemen sind in der Regel Trennung, Umgang mit Wut und Sexualität.
  • Generalisierte Angststörung: Vorherrschend ist ein chronisches, „frei flottierendes“ Angstgefühl. Ein ständiges sich-Sorgen führt kurzfristig zu Angstlinderung, langfristig aber zu Aufrechterhaltung der Angst (dysfunktionales Grübeln). Typ-1-Sorgen beziehen sich auf reale Lebensprobleme, Typ-2-Sorgen sind „Meta-Sorgen“, die um das sich-Sorgen und seine befürchteten Konsequenzen kreisen. Das exzessive sich-Sorgen um wichtige Objekte entstammt der eigenen, verdrängten heftigen Aggression einerseits und den dadurch bedingten unbewussten Schuldgefühlen andererseits. Unbewusst besteht Angst vor dem Zerfall fragiler Objektrepräsentanzen in archaische Partialobjekte (Melanie Klein). Ambivalenzen können nur schwer ertragen werden, Objekte werden entweder magisch-omnipotent oder vernichtend-verfolgend erlebt.
  • Agoraphobie: Vorherrschend ist die Angst vor großen Plätzen bzw. das eigene Haus zu verlassen. Nach Bindungsforscher John Bowlby eine „Pseudophobie“, da v. a. die Abwesenheit einer Bindungsfigur gefürchtet wird; nach der Verhaltenstherapie wird durch klassische Konditionierung gelernt, einen neutralen Reiz zu fürchten, durch operante Konditionierung dann das Vermeidungsverhalten verstärkt.
  • Soziale Phobie: Vorherrschend ist eine Angst vor zwischenmenschlichen Anlässen, vor allem Gruppensituationen. Zugrunde liegt eine strukturelle Selbstwertproblematik mit massiven Beschämungsängsten. Diese hat ihren Ursprung in Verinnerlichungen sozialer Ansprüche und vor allem Abwertungen vor dem Hintergrund einer unsicheren Bindung, woraus sich kompensatorisch überhöhte Selbstansprüche (unbewusstes Größenselbst) entwickeln, die mittels Projektion externalisiert, das heißt in den Anderen verortet werden. Unbewusst befürchtet der Patient somit ständig, dass Andere quasi per Röntgenblick etwas Schlechtes, Lächerliches in ihm entdecken. Der Kernaffekt ist Scham, es bestehen ein negatives Selbstkonzept neben unbewusster Sehnsucht nach Anerkennung.

Gemischte Krankheitsbilder

Vereinfacht dargestellt: die negative Objektrepräsentanz führt zur depressiven Symptomatik, die instabile gute Objektrepräsentanz zur Angstsymptomatik, die instabile negative Objektrepräsentanz wiederum zu einem gemischten Krankheitsbild. Je nach Ausprägung der Symptome werden zwei Krankheitsbilder gleichzeitig diagnostiziert (z. B. „Mittelgradige depressive Episode“, F32.1, und „Panikstörung“, F41.0) oder bei milder Symptomatik das Mischbild „Angst und depressive Störung, gemischt“ (F41.2).

Psychotherapeutische Behandlung

„Krankheiten der Seele sind Krankheiten der Beziehung“, sagte der Philosoph Martin Buber. Der verinnerlichten Beziehungen, möchte ich da ergänzen. Psychotherapie ist eine Möglichkeit, hieran zu arbeiten. Die psychoanalytischen Therapien gehen dabei folgendem Procedere nach:

  • Bewusstmachung und Durcharbeiten von Abwehr,
  • Erarbeiten hilfreicher Strategien im Umgang mit inneren Konflikten,
  • Gemeinsames Erspüren und „Zuendefühlen“ schwieriger Gefühle,
  • Erkennen und Verändern konflikthafter Beziehungsmuster im Hier und Jetzt,
  • Nachentwickeln struktureller Fähigkeiten.

Darüber hinaus trägt der verinnerlichte therapeutische Prozess zur Bildung eines guten inneren Objekts bei.

Eine psychotherapeutische Behandlung mit nachhaltigem Erfolg benötigt Zeit. Gerade bei den oben beschriebenen Krankheitsbildern bestehen aber gute Verbesserungschancen, wie immer wieder in Studien aufgezeigt wird. Ich möchte daher Mut, Geduld und Neugier zusprechen.

Verwendete Literatur:

Benecke C. Klinische Psychologie und Psychotherapie. Ein integratives Lehrbuch. 1. Auflage, Stuttgart: Kohlhammer, 2014

Ermann M. Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Lehrbuch auf psychoanalytischer Grundlage. 5., überarbeitete Auflage, Stuttgart: Kohlhammer, 2007

Lowen A. Depression and the Body. The Biological Basis of Faith and Reality. 20. Auflage, London: Penguin Books Ltd., 1993

Mentzos S. Lehrbuch der Psychodynamik. Die Funktion der Dysfunktionalität psychischer Störungen. 6. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2013

Will H, Grabenstedt Y, Völkl G, Banck G. Depression. Psychodynamik und Therapie. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, Stuttgart: Kohlhammer, 2008