Leserbrief als Reaktion auf den Zeit-Artikel „Was bringt Psychotherapie?“

Alle Jahre wieder zur Zeit der Winterdepression erscheint in irgendeinem Magazin ein Exklusivbericht über Psychotherapie. Diesmal in der Zeit, die mit ihrer neuen Beilage gleichsam signalisieren möchte: auch wir sind im postfaktischen Zeitalter angekommen.

Im Leitartikel darf eine verhaltenstherapeutisch orientierte Achtsamkeitslehrerin gänzlich lobbyistisch behaupten: für Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie gäbe es wenig bis gar keine wirksamkeitsbelegenden Studien, und die Notwendigkeit von Langzeitpsychotherapie sei strittig. Längst vergessen scheint dabei die Ausgabe der Zeit vom 25.08.2016 mit dem Titel: „Stark durch Therapie. So viele Männer wie nie trauen sich auf die Psycho-Couch. Das tut ihnen gut“ (die Couch: das Symbol der Psychoanalyse!). Aber was interessiert den Populismus schon sein Geschwätz von gestern.

Eine simple Googlerecherche hätte gereicht um rauszufinden, dass Studien von z. B. Jakobsen et al (2007), Leichsenring und Rabung (2008) sowie Shedler (2010) Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie längst differenziert nachgewiesen haben. Selbst der Guardian („Therapy wars: the revenge of Freud“ vom 07.01.2016) und Die Welt („Freud lebt!“ vom 28.02.2016 sowie „Warum die Psychoanalyse ein Comeback feiert“ vom 01.03.2016) wussten zu Jahresbeginn erneut davon zu berichten und wiesen sogar auf Überlegenheit gegenüber der Verhaltenstherapie hin. Dass analytische Langzeittherapie Vorteile gegenüber Kurzzeittherapie hat, hat das Ärzteblatt bereits 2003, eine Studie des Heidelberger Professors Gerd Rudolf resümierend, der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht (http://www.aerzteblatt.de/archiv/39335). Auch kann man ein Urteil des Sozialgerichtes Marburg recherchieren (Aktenzeichen S 6 KR 47/11 vom 11.08.2014), in dem dieses zugunsten einer gegen die gesetzliche Krankenversicherung klagenden Patientin für die Zahlung von Sitzungen, die über das in den Psychotherapierichtlinien festgelegte Stundenkontingent von 300 hinausgehen, entschieden hat, da es durch Gutachten von Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit des Verfahrens insbesondere im konkreten Fall überzeugt war.

Das gegeneinander Ausspielen der etablierten Psychotherapieverfahren, die alle wirksam sind (!), hilft aber niemandem und weist nur auf wirtschaftliche Interessen oder Angst vor Bedeutungsverlust der spaltenden Parteien hin. Im Interesse der Patientenversorgung sollte integrativ gedacht und kooperativ gehandelt werden, wie es z. B. Gerd Rudolf mit einem Vergleich des Streits der Therapieschulen zu Lessings Ringparabel in seinem Buch „Wie Menschen sind“ andeutet.

Es bleibt zu hoffen, dass die Medizinlandschaft von weiteren schalen Zeitrezensionen ihrer Methoden verschont bleibt. Möge es Kollegen anderer Fachdisziplinen erspart bleiben, ihre irritierten Patienten z. B. von der Legitimität von Koronarangiographien, Koloskopien oder laborchemischen Untersuchungen wieder überzeugen zu müssen.

Nachsatz 17.11.16: Die Zeit hat heute den Leserbrief in gekürzter Version veröffentlicht (s. Bilder)