Paranoia und das Problem mit Gut und Böse

Das Bild vom Anderen ist für unsere psychische Konstitution von wesentlicher Bedeutung.

„Tatsächlich ist unser Lebensgefühl und die Art, wie wir die Zukunft betrachten, unausweichlich von unserem bewussten oder unbewussten Menschenbild geprägt.“

(Aus: Christophe André, „Die Geheimnisse der Therapeuten“)

Einerseits entwickelt sich und reift die Psyche an den Beziehungserfahrungen, die ein Mensch macht – die frühen Lebensjahre spielen dabei eine besondere, nachhaltige Rolle -, andererseits reguliert sich das eigene Befinden durch unsere gelebten Beziehungen: wir werden getröstet, ermutigt, geliebt, und wir trösten, ermutigen und lieben. Ob und wie wir Beziehungen eingehen und gestalten hängt dabei von unserem verinnerlichten Menschenbild ab.

Gemäß Freuds Lust-Unlust-Prinzips wenden wir uns dem Guten, dem Lustvollen (i. d. R. Lebensförderlichen) zu und dem Bösen, Unlustvollen (i. d. R. Lebensschädigenden) ab, und vereinfacht gesprochen veranschaulicht dies unsere zwischenmenschliche Beziehungsgestaltung. Gute Beziehungserfahrungen gerinnen zu einem guten Menschenbild, zu guten Objektrepräsentanzen, schlechte Beziehungserfahrungen zu einem schlechten Menschenbild, zu bösen Objektrepräsentanzen. Ein gutes Menschenbild macht Lust auf weitere zwischenmenschliche Begegnungen, ein schlechtes lädt zu Isolation und Rückzug ein – oder zu Hass und Zerstörung.

Die Entwicklung von Selbst- und Fremdbildern: Differenzierung und Integration von unterschiedlichen Aspekten 

In den ersten sechs Lebensmonaten herrscht eine Selbst- und Fremdsicht vor, die Melanie Klein „schizoid-paranoide Position“ genannt hat. Auf der Basis noch unzureichend verinnerlichter vor allem guter Objekterfahrungen kann sich das Kind in Angst und Wut noch nicht selbst beruhigen und wendet einen frühen Abwehrmechnismus zur Selbstregulation an: es projiziert die eigenen negativen Gefühle nach außen, es spaltet sie von sich ab. Das eigene Selbst wird so frei von negativen Affekten gehalten, allerdings wird die Außenwelt als feindselig und unbehaglich erlebt – Basis für ein paranoides Erleben. Die bislang wenigen Objekterfahrungen machen andererseits auch noch nicht möglich, den zuständigen Bezugspersonen ihre unweigerlichen Unvollkommenheiten gelassen zu verzeihen: wird mir nicht jedes Bedürfnis unmittelbar abgelesen und versorgt, ist die Bezugsperson als Ganzes böse, frustrierend. Eine Welt voller frustrierender Objekte wäre aber Anlass für endlose Verzweiflung, ebenso eine willkürliche Objektwelt, weshalb das Böse im Objektbild abgespalten wird, um ein rein gutes Objektbild als Basis für Urvertrauen und Zuversicht zu behalten. Das Prinzip der Spaltung der Objektbilder ist ein schizoider Abwehrmodus.

Eine frustrationsarme, ausreichend liebevolle Versorgung ermöglicht dem Kind jedoch, gute und schlechte Objektbilder zu einem vollständigen Objektbild zu integrieren. Die Bezugsperson ist nun weder rein böse noch rein gut, sondern verfügt über gute und schlechte Eigenschaften. Dies ist realistischer und i. d. R. auch tolerabel, geht aber auch mit dem Verlust eines idealen Objektbilds, das das für mich perfekte Gegenüber darstellt, einher, weshalb Melanie Klein diesen Zustand als die „Depressive Position“ bezeichnet hat.

Heinz Kohut ergänzt Melanie Kleins Konzept einerseits, indem er die Bedeutung einer idealisierten Bezugsperson hervorhebt – so wird z. B. der Therapeut phasenweise in psychotherapeutischen Behandlungen idealisiert, was dem Patienten zuzugestehen ist und nur mit zumutbaren, sog. „Mikrofrustrationen“ belastet werden soll. Hier können die versäumten frühen tragenden Objekterfahrungen nachgeholt werden, die später Basis für ein eigenes Urvertrauen werden und zu ganzheitlicher Objektwahrnehmung verhelfen. Andererseits betont er die Wichtigkeit der Spiegelung des Kindes durch die Mutter: ihre Empathie ist die Basis für sein späteres Selbstverständnis, seinen wachsenden Zugang zu sich selbst, sein stabiles Identitätsgefühl.

Gelingt diese Entwicklung, relativiert sich ein früher Narzissmus, der sonst nur zwischen Selbst-/Fremd-Erhöhung und -Entwertung pendelt, es entsteht eine ganzheitliche Selbst- und Fremdsicht, die gute und schlechte Eigenschaften in eins akzeptiert, und die Fähigkeit zu mentalisieren entsteht und reift, d. h. kognitive und emotionale Prozesse können bei sich und anderen erkannt und benannt werden.

Dies ist das Rüstzeug für eine reife und gewöhnlich gelingende Beziehungsgestaltung.

Frühstörungen: wenn die ersten Beziehungserfahrungen keine guten waren

Die Belastungen für ein Kind, die in diesen Lebensphasen zu psychischen Schäden und Entwicklungsstörungen führen können, lassen sich in drei Kategorien zusammenfassen: Vernachlässigung (d. h. zu wenig Zuwendung), Überstimulation (d. h. unangemessene Zuwendung; z. B. eine Mutter, die von ihrem Kind getröstet werden will oder es überbehütet) und Traumatisierung (d. h. emotionaler und/oder physischer Missbrauch). Die Folge ist u. a. ein ausgeprägt negatives Menschenbild, das keine Integration guter Eigenschaften ermöglicht. Jeder weitere Kontakt findet nun auf Basis dieses Menschenbildes statt und wird dementsprechend interpretiert.

Die frühen Lebensphasen haben darüberhinaus psychisch etwas Existenzielles: es geht um die Entwicklung von Urvertrauen, Zuversicht und einem grundsätzlichen Lebenskonzept. Störungen in diesen Phasen sind daher so fundamental, dass sie sich in alle späteren Entwicklungen hineinweben. Dies entspricht psychopathologisch einer Persönlichkeitsstörung, früher Charakterneurose, in Abgrenzung zu einer umschriebenen psychischen Erkrankung, einer sog. Symptomneurose (z. B. einer Flugangst).

Diese Persönlichkeitsstörungen, auch Frühstörungen genannt, hindern einen Menschen oft daran, zufrieden und glücklich zu leben: durch erschwerte Beziehungsgestaltung fällt das Hineinwachsen in eine soziale Gemeinschaft schwer, die schulisch-berufliche und private Karriere ist eingeschränkt sowie von Misserfolgen geprägt und ein natürliches Selbstwert- und Identitätsgefühl kann sich nicht aufbauen.

Dabei gibt es Persönlichkeitsstörungen, die mehr sozial kompatibel sind, und solche, die es weniger sind. Bei letzteren spielt insbesondere das von Otto Kernberg erkannte Kontinuum von einfachem Narzissmus zu Antisozialität eine bedeutende Rolle.

Parallelgesellschaften: Zusammenschlüsse unterschiedlicher Beziehungsgestaltung 

In den meisten modernen Gesellschaften hat sich ein Miteinander ausgeprägt, das auf Toleranz, Freiheit und dem Recht auf Unversehrtheit basiert. Darüberhinaus zählen Unterstützung bei Bedürftigkeit und Gleichberechtigung zu den verwirklichten Werten. Die Regeln des gemeinsamen Umgangs sind per Gesetz festgehalten und werden rechtsstaatlich aufrechterhalten.

Man kann sagen, dass diese Prinzipien die Strukturen reifer Beziehungsgestaltung widerspiegeln.

Da aber nicht alle Menschen dieses Niveau erreichen – Heranwachsende sind verschiedenen Belastungen ausgesetzt, die sich unterschiedlich einschränkend auswirken – bilden sich zum Teil Parallelgesellschaften, in denen sich diese, schlimmstenfalls abgesondert und isoliert, zusammenfinden. Am deutlichsten wird dies an fundamentalistischen Gruppierungen.

„Wir beobachten auch eine Renaissance des Fundamentalismus in unserer Zeit. […] Der Fundamentalismus wirkt in Zusammenhang mit der Fremdenfeindlichkeit, mit der Angst vor dem Identitätsverlust, und ist charakterisiert durch eine unterentwickelte kognitive Komplexität. […] [Fundamentalismus, CD] ist universal in dem Sinne, dass er auf keine Religion beschränkt werden kann. […] Der Fundamentalismus scheint letztendlich eine Konstruktio der individuellen, institutionellen, politischen oder religiösen Identität zu sein. Er bietet die Identität dort an, wo sie fehlt, und stiftet einen Sinn, wo es an ihm mangelt.“

(Aus: Karol Giedrojc, „Die Grundlagen des modernen Fundamentalismus“)

Fundamentalismus setzt also an den existenziellen Problemen und Bedürfnissen an, die durch Frühstörungen entstehen und gibt eine – unheilvolle – Heimat denen, die mit ihren Möglichkeiten in der etablierten Gesellschaft keinen Platz finden. Die Gruppenzugehörigkeit bietet hier ein kollektives Selbst als Identitätsersatz an, Feindbilder stützen es sowie den inneren Zusammenhalt, rigide Ideologien bieten Sinn und stabilisieren. Dahinter steht eine aggressive Dynamik, die nicht zu unterschätzen ist.

Wege zum Miteinander – psychoanalytische Gedanken

Präventiv für die Entstehung fundamentalistischer Parallelgesellschaften kann die Prävention von Frühstörungen sein, heißt die Förderung von Beziehungs- und Empathiefähigkeit. Elternschulungen wie das Step Elterntraining können hier Unterstützung anbieten.

Wir selber sollten uns immer wieder beobachten, wie ganzheitlich und empathisch unsere Menschensicht ist – und wo wir Feindbilder aufbauen und dämonisieren. Spaltung, persönlich wie kollektiv, wird nur über den Abbau von Feindbildern überwunden (was aber nicht den Verzicht auf legitime, nicht von Hass oder Zerstörungslust getriebene Aggression bedeutet).

In der Konfrontation mit Hass und Gewalt sollten wir darüberhinaus unsere kognitive Komplexität wahren und nicht opfern: weil einige Terroristen sich ihrem Verständnis nach zum Islam bekennen, sind nicht gleich alle Islamangehörige Terroristen; weil im Namen von Religion Gewalt ausgeübt wird, führt Religion nicht gleich automatisch zu Gewalt; weil rohe Gewalt scheinbar so mächtig und aufmerksamkeitserzeugend wirkt, müssen wir nicht mit gleicher Münze antworten.

Hass und Gewalt zu erleben rührt an unseren psychischen Wurzeln. Einem aufkommenden Gefühl der Paranoia können wir mit Verständnis und einem ganzheitlichen Menschenbild, das nicht in Gut und Böse spaltet, begegnen. Einen Weg zu einem guten Miteinander können wir nur über den Abbau von Feindbildern und die Entwicklung von Empathie gehen.

Titelbild: A. Dreher / pixelio.de