„The kind of therapy I practice, it’s not a quick fix.“

Wer es originalsprachlich gesehen hat, hat es ihn schon mal sagen hören: „You should know that the kind of therapy I practice, it’s not a quick fix.“, so klärt Therapeut Paul Weston, gespielt von Gabriel Byrne in der Serie „In Treatment“, einen Patienten zu Behandlungsbeginn auf, als ihn dieser auf die Behandlungsdauer anspricht.

„It’s not a quick fix.“. Ein ärztlicher Kollege hingegen fordert in einem Leserbrief „Wir brauchen kurze Psychotherapien“, direkt unterhalb meines Leserbriefes zu Tilmann Mosers Artikel „Wider den Beschleunigungswahn. Warum man Psychotherapien nicht einfach abkürzen darf“.

Kurze Psychotherapien also. „Seele braucht Zeit“, ein Buchtitel der bekannten Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast, klingt in mir nach. Kurze Psychotherapien, kann man dies pauschal fordern? Oder beschneidet man damit Heilungsprozesse, die im Inneren erstmal reifen müssen, bevor sie im Außen Früchte tragen können? Provokanter Vergleich: wir brauchen kürzere Schwangerschaften. Unvorstellbar. Kann man menschliche Entwicklungsprozesse einfach so abkürzen, beschleunigen oder abbrechen?

Unterschiedliche Grade seelischer Verwundung  

„Die Seele ist wie eine Schnecke: wenn man ihr in den Hintern tritt, zieht sie sich in ihr Haus zurück.“, erklärte mir mal eine Oberärztin zu Beginn meiner ärztlich-therapeutischen Tätigkeit. Anders als bei chirurgischen Eingriffen hat man es in der Psychotherapie nicht mit einem bewusstlos bereitliegenden Patienten zu tun, sondern es muss eine Basis des Vertrauens und der gemeinsamen Wellenlänge entstehen, bis sich zur Verletzung achtsam vorgetastet werden kann. Es gibt hier keine Narkose, die Abwehr und Schutzreflexe abschaltet, und erst recht kein Skalpell, das bergende Schichten vom Kern lösen kann.

Und genauso wenig wie der chirurgische Patient willentlich körperliche Reflexe und Schmerzen abschalten kann, um so die Behandlung zu ermöglichen, kann es der psychotherapeutische mit den seelischen. Menschen, die in die Psychotherapie kommen, haben die Hoffnung, neue, heilende Erfahrungen zu machen, bringen gleichzeitig aber auch die (unbewusste) Angst mit, an ihren wunden Punkten erneut verletzt und enttäuscht zu werden. Sie fürchten die Wiederholung der alten Erlebnisse, was seelische Schutzreflexe – die sog. Abwehr – mobilisiert.

Und hier zeigt sich: je früher, tiefer und/oder häufiger die erlebten seelischen Verwundungen, desto intensiver, umfassender und „rigider“ die Abwehr und Beziehungsvermeidung, was schließlich zur psychischen Störung führte. Diese bewegt sich dabei graduell von der Symptomneurose (leichtere Störung) zur Charakterneurose (schwerere Störung), von der umschriebenen neurotischen Störung zur Persönlichkeitsstörung, von der situativen zur globalen Störung. Die Abwehr von aggressiven (legitime Wut/Ärger, Abgrenzung, „herangehen“ / aktiv werden, gestalten, …) und „libidinösen“ (Beziehung, Liebe, Sehnsucht, Kreativität, …) Impulsen sowie festgefahrene Beziehungsmuster, allesamt einst ein wichtiger Schutz, können so zur starken Beeinträchtigung von Lebensglück und Selbstentfaltung werden.

Die Begegnung mit dem Fremden 

Die Furcht, Schlimmes erneut zu erleben, sieht in jeder neuen Situation die mögliche Wiederholung der alten und macht sie so ständig gleich – einerseits Schutz, andererseits ewiges Festhalten am Verwundetsein. Was heilt ist der Ausbruch aus dem Teufelskreis durch eine sog. korrigierende emotionale Erfahrung, die Begegnung mit dem Fremden, wie ein Buch treffend titelt und ausführt, dem Leben außerhalb des zu eng gewordenen inneren und äußeren Spielraums. Und dies kann nicht kognitiv – z. B. durch Belehrung oder gut gemeinte Ratschläge – vermittelt werden, sondern muss gespürt und erlebt werden, damit es wirkt. Sonst bleibt man beim Finger, der auf den Mond zeigt, erblickt aber nicht den Mond selber, um eine Zen-Weisheit zu zitieren.

Jedes Erfahrungsmuster hat einen Selbst- und einen Objektpol, schreibt Toni Brühlmann in o. g. Buch, und so kann das Fremde im Innen wie Außen entdeckt werden: durch Aufweichen der Abwehr komme ich in Kontakt mit meiner Lust, Wut, Bedürftigkeit, durch Auflösung der Übertragung alter Beziehungserfahrungen spüre ich plötzlich die Freundlichkeit, Wertschätzung oder auch Kälte der Anderen. Die Integration des Fremden in mein Selbst- und Fremdbild lässt mich schließlich wachsen, eröffnet mir neue Möglichkeiten, erlaubt tiefgründigeren (Selbst-)Kontakt: das Leben wird reichhaltiger, befriedigender.

Psychische Erkrankung kann so als Stagnation der eigenen Entwicklung verstanden werden, sei es strukturell oder konfliktbedingt, verursacht durch Vernachlässigung, Unterdrückung oder Grenzverletzung. Psychotherapie bedeutet dann, Hilfestellung zu leisten, korrigierende emotionale Erfahrungen machen und das eigene Entwicklungspotential wieder leben zu können.

Fundierte Diagnostik bitte: jeder Wunde ihre zustehende Behandlungszeit!

„Ohne Arzt dauert eine Erkältung eine Woche, mit Arzt sieben Tage.“, sagt der Volksmund. Abkürzung also nicht möglich. Symptomlinderung hingegen (wofür sich o. g. Kollege in seinem differenzierten Leserbrief ausspricht) sollte selbstverständlich bestmöglich angeboten werden, ohne dies aber mit Heilung oder dann schon abgeschlossener Behandlung zu verwechseln. Nachlassende Schmerzen bedeuten nicht nachlassende Erkrankung, wie z. B. der „faule Frieden“ beim Mesenterialinfarkt lehrt. Erst eine fundierte Diagnostik schafft Klarheit, ob Behandlung noch notwendig ist oder nicht mehr. Hierbei gilt es, die leichte Erkrankung von der schweren unterscheiden zu können, die von selbst heilende von der noch behandlungsbedürftigen.

Wenngleich es kein Röntgen, Ultraschall oder Labor der Psyche gibt, kann sie dennoch differenziert untersucht werden. Theoretische Modelle wie das OPD-2 in Verbindung mit geschulter Menschen- und Selbstkenntnis erlauben valide diagnostische Einschätzungen. Was zählt ist eine gute theoretische Ausbildung und Selbst-/Behandlungserfahrung sowie Supervision des Behandlers.

Darüber hinaus spielt die Neigung des Behandlers, sich länger auch auf schwerer erkrankte Patienten einlassen zu können, eine wichtige Rolle. Nicht jedem liegt dies, dem sei auch eine Legitimität zugestanden, es darf aber nicht darin münden, sich dann ideologisch gegen Langzeitbehandlungen, deren Wirksamkeit erwiesen ist (vgl. die Zusammenfassung auf meiner Behandlungshomepage), zu positionieren oder falsche Empfehlungen („25 Sitzungen reichen grundsätzlich“) auszusprechen.

Kurz-, mittel- und langfristige Behandlungen haben gleichsam ihre Legitimität

Pauschal hinsichtlich der Behandlungsdauer polarisieren zu wollen ist also Unsinn. Sie ist einzig an Erkrankung, Zustand und Behandlungsbedarf des Patienten zu ermessen. Sowohl in die eine als auch in die andere Richtung zu übertreiben ist schädlich. Jedem Patienten sollte die Behandlung zustehen und ermöglicht werden, die er benötigt und eingehen möchte. Dies wiederum setzt eine Professionalisierung der Psychotherapie v. a. in der geschulten Diagnostik sowie eine Wertschätzung all ihrer Behandlungsoptionen (Verhaltenstherapie, Psychodynamische Psychotherapien, Kurz-/Mittel-/Langzeittherapien, nieder-/hochfrequente Therapien) voraus.

Wertgeschätzt werden sollte aber auch die individuell unterschiedliche Zeit, die für Beziehungsaufbau, das „sine qua non“ der Psychotherapie, und somit Diagnostik sowie Ermöglichung korrigierender emotionaler Erfahrungen benötigt wird.

Neben unnötiger Behandlung sollten wir genauso keine halben Psychotherapien anbieten, ebenso wenig wie andere medizinische Fächer unnötige oder halbe Behandlungen anbieten.

Schließen möchte ich mit einem Gedicht von Rainer Maria Rilke:

„Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.“

Titelbild: Lisa Spreckelmeyer  / pixelio.de