Behandlungsziele psychoanalytischer Therapien

„Das Werden der Persönlichkeit ist ein Wagnis“, so Carl Gustav Jung. Diesem Zitat zufolge ist auch Psychotherapie ein Wagnis, ist doch die Entwicklung der Persönlichkeit ein (Neben-)Effekt psychotherapeutischer Behandlungen. Und trotz – oder gerade wegen – all ihrer Wirksamkeit ist sie es auch, denn sie geht mit der Auseinandersetzung mit schwierigen Gefühlen, problematischem Verhalten, unliebsamen Wahrheiten und schmerzhaften Erinnerungen einher. Gleichzeitig konfrontiert sie damit aber auch unnötige Einschränkungen, lotet bislang ungelebtes Potential aus, stärkt das Selbstvertrauen und weckt schließlich neue Lebenslust. Ein Wagnis also, das sich lohnen kann.

Die psychodynamische Behandlung

Kernmerkmal psychodynamischer Behandlungen ist die Arbeit mit dem Unbewussten, denn eine Grundannahme der psychodynamischen Psychotherapieverfahren ist, dass lebensgeschichtlich früh entstandene, nicht verarbeitete Zustände verdrängt im Unbewussten als Krankheitsquelle wirksam sind. Deren Verarbeitung kann „explizit“ über Bewusstwerdung erfolgen, was entlang eines deutenden, interpretativen Vorgehens geschieht, oder „implizit“ über korrigierende Erfahrungen in der Therapiebeziehung. Oft greifen beide Wirkmechanismen ineinander.

Wie dies in der Praxis aussieht, hat Jonathan Shedler in seinem Artikel „Die Wirksamkeit psychodynamischer Psychotherapie“ prägnant zusammengefasst. So gehören zum methodischen Vorgehen der Psychodynamischen Psychotherapie vor allem:

  • die Fokussierung von Emotionen und die Förderung von deren Ausdruck, da hinter Symptomen oftmals unterdrückte Gefühle stehen, und Intellektuelle Einsicht für nachhaltige Veränderungen alleine nicht ausreicht.
  • das Aufdecken und Bearbeiten problematischer Bewältigungsstrategien von belastenden Gedanken und Gefühlen, sog. Widerstände und Abwehrmechanismen, weil diese einer gesunden Entwicklung im Wege stehen. Sie drücken sich z. B. durch Fehlleistungen, selbstschädigendes Verhalten oder auch dem Fernbleiben von Therapiesitzungen und dem Vermeiden der Umsetzung therapeutischer Einsichten aus.
  • das Erkennen von sich wiederholenden Gedanken-, Verhaltens- und Beziehungsmustern, da diese die Beschwerden oftmals aufrechterhalten.
  • die Auseinandersetzung mit belastenden und prägenden Erfahrungen der Vergangenheit, die häufig hinter unerklärlichen Gefühlen und Erlebnisweisen in der Gegenwart stehen. Durch ihre Einordnung kann eine Klärung entstehen, die zu mehr innerer Freiheit und Selbstbestimmung führen kann.
  • die Fokussierung von Beziehungskonflikten, da sich in diesen die zentralen psychischen Themen ausdrücken und die Fähigkeit zum Führen gelingender Beziehungen Voraussetzung für psychische Gesundheit ist.
  • die Reflexion der Therapiebeziehung, in der sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls die zentralen psychischen Themen abbilden werden. Diese bietet somit eine unmittelbare Gelegenheit zur Bearbeitung aktivierter schwieriger Gefühls- und Gedankenmuster.
  • die Einbeziehung unbewusster Fantasien durch Methoden wie z. B. die freie Assoziation oder Traumarbeit, wodurch die Auseinandersetzung mit tieferliegenden psychischen Schichten gefördert wird.

Mehr als nur Symptombehandlung

Der Mensch ist mehr als seine Symptome, und Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Symptomen. Im erwähnten Artikel hat Shedler auch sehr schön auf den Punkt gebracht, was eine Psychodynamische Psychotherapie erreichen kann:

„Die Ziele der psychodynamischen Psychotherapie beinhalten die Arbeit an Symptomen, gehen aber über die Symptomremission hinaus. Eine erfolgreiche Behandlung sollte nicht nur Symptome lindern (d. h. etwas loswerden), sondern auch das positive Vorhandensein psychologischer Eigenschaften und Ressourcen fördern. Je nach Person und Umständen können dazu gehören: befriedigendere Beziehungen haben zu können, Begabungen und Fähigkeiten effektiver zu nutzen, ein realistisches Selbstwertgefühl zu behalten, eine breitere Palette von Emotionen zu tolerieren, befriedigendere sexuelle Erfahrungen zu machen, sich selbst und andere auf nuanciertere und differenziertere Art und Weise zu verstehen und den Herausforderungen des Lebens mit größerer Ungezwungenheit und Flexibilität gegenüberzutreten.“

Quelle: Shedler, J. (2011). Die Wirksamkeit psychodynamischer Psychotherapie. Psychotherapeut56(3), 265–277.
https://doi.org/10.1007/s00278-011-0819-2

In seinem Buch „Therapie wirkt!“ resümiert Sven Barnow eine lesenswerte deutsche Studie von Albani et al. (2010), die 1212 Personen per Telefon zu ihren Erfahrungen mit Psychotherapie befragten. 47% hatten eine Verhaltenstherapie (VT) absolviert, 41% eine tiefenpsychologische fundierte Psychotherapie (TP) und 5% eine analytische Psychotherapie (AP; TP und AP sind Psychodynamische Psychotherapie, PP). Es ergab sich folgendes Bild:

  • Die Befragten mit abgeschlossener Therapie (698 Personen) gaben zu 35 % an, dass es ihnen viel besser ginge und zu 42,7%, dass es ihnen deutlich besser ginge. Nur 15% gaben keine Veränderungen an, und 1,3% gaben an, dass sich ihre Symptomatik verschlechterte.
  • Die Therapiedauer hat dabei einen wesentlichen Einfluss auf die Besserung: Befragte, die etwas Besserung angaben, absolvierten durchschnittlich 50,3 Behandlungsstunden (Spannweite: 2-500, Standardabweichung: 61,2; 298 Personen), und Befragte, die angaben, dass es viel besser wurde, im Schnitt 56,1 Behandlungsstunden (Spannweite: 2-600, Standardabweichung: 72,7; 245 Personen). Befragte hingegen, die wenig oder keine Besserung angaben, absolvierten im Schnitt nur 35,5 Behandlungsstunden (Spannweite: 2-350, Standardabweichung: 46,7; 106 Personen).
  • 70% der Befragten gab an, dass sie besser oder viel besser mit Stress umgehen können,
  • 67% gaben an, dass sich ihr körperliches Wohlbefinden verbesserte,
  • 74% berichteten von mehr Lebensfreude,
  • 79% von gestärktem Selbstwertgefühl und
  • 50% von einer verbesserten Arbeitsfähigkeit.

(Aus: Barnow, S., Belling, J., Knierim, J., Winterstetter, L. & Löw, C. (2012). Therapie wirkt!: So erleben Patienten Psychotherapie (German Edition) (2013. Aufl.). Berlin, Deutschland: Springer.)

Albani et al. schließen ihre Studie mit einem klaren Statement ab:

Verstärkte Bemühungen in der Psychotherapieforschung und im medizinischen sowie auch im öffentlichen, gesellschaftlichen Diskurs sind notwendig, damit Psychotherapie nicht mehr wie bisher noch immer als tabuisiertes gesellschaftliches Randphänomen, sondern als anerkannte und aufgrund ihrer hohen Wirksamkeit geschätzte Behandlungsmethode akzeptiert wird. Nach wie vor ist davon auszugehen, dass die in unserem Versorgungssystem bestehende Versorgungsrealität dazu führt, dass ein großer Teil der Patienten, für die eine Indikation zu einer Psychotherapie besteht, nicht den Weg in eine psychotherapeutische Behandlung findet. Angesichts der hohen Wirksamkeit psychotherapeutischer Behandlungen ist dies nicht nur unter ökonomischen, sondern auch unter ethischen Aspekten ausgesprochen fragwürdig.

Quelle: Albani, C., Blaser, G., Geyer, M., Schmutzer, G. & Brähler, E. (2010). Ambulante Psychotherapie in Deutschland aus Sicht der Patienten. Psychotherapeut56(1), 51–60. https://doi.org/10.1007/s00278-010-0779-y

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